Das hier ist mein Outing- Teil 1
- Svenja Trampisch
- 3. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Juli
Sie wusste es noch nicht- aber es war schon immer PMDS.
ungeschönt.mitpmdsleben
Wenn ich ehrlich zurückdenke, finde ich nur wenige Momente, an denen es okay war. An denen ich okay war. Und mit allem, was ich heute über Körper, Nervensystem, Zyklus und meine eigene Geschichte weiß, habe ich dazu auch keine offenen Fragen mehr. Ich weiß, warum es so lange gedauert hat.
Ich definiere mich selbst als Frau, ich bin Millennial. Und wie so viele von uns habe ich schon früh gelernt: Sobald du anfängst zu bluten, sobald du einen Pickel bekommst, nimmst du einfach die Pille. Ganz ohne dass dir jemand auch nur ansatzweise erklärt, was sie mit dir und deinem Körper macht. Das war auch mein Weg. Ich habe sie nicht so gut vertragen und sie zusätzlich häufig vergessen. Deshalb bin ich schon bald auf die östrogenfreie Pille umgestiegen, die man durchgehend nimmt. Ehrlich gesagt fand ich es als Teenager ziemlich geil, keine Periode mehr zu bekommen. Das fand ich auch noch sehr lange geil. So lange, bis ich irgendwann sogar auf die Dreimonatsspritze umgestiegen bin. Nur noch alle drei Monate kurz nachdenken, bloß nicht ungewollt schwanger zu werden: Das waren die einzigen Gedanken, die ich mir über meinen Hormonhaushalt, meine Gesundheit, meinen Körper und die Auswirkungen auf all das gemacht habe. Dass es so etwas wie Zyklusphasen gibt. Was sie mit meinem Körper machen. Welche Hormone wann wirken. Davon hatte ich einfach keine Ahnung.
Irgendwann hatte ich den Wunsch, Mutter zu werden. Also habe ich die hormonelle Verhütung abgesetzt, einfach aufgehört mit dem, was ich mir jahrelang in den Körper gespritzt hatte. 2015 kam meine Tochter zur Welt.
Ab da hat sich alles verändert.
Ich habe nach der Geburt gemerkt, dass etwas mit mir passierte, wofür ich keine Worte hatte. Meine Emotionen waren kaum zu kontrollieren. Und was sie mit mir gemacht haben, kannte ich so nicht. Mutter zu werden ist das Krasseste, was ich je erlebt habe und wahrscheinlich auch je erleben werde. Das hat sich bis heute nicht verändert. Aber der Punkt ist: Dieser Faktor Kind, das Muttersein, so wie ich es mir vorgestellt hatte, so wie ich Mutterschaft leben wollte, war zu Beginn für mich nicht umzusetzen. Es schien unmöglich.
Mutter, Elternperson zu werden: Das allein macht schon etwas mit einem Menschen. Nicht nur körperlich und hormonell. Ich meine diese enorme Vereinnahmung des Körpers, von Beginn der Schwangerschaft bis zum Abstillen und weit darüber hinaus. Du bist plötzlich vollkommen fremdbestimmt und fremdgesteuert, von heute auf morgen. Und schon allein das, ganz ohne PMDS, führt dazu, dass es vielen Müttern nach der Geburt nicht gut geht. Studien gehen von rund zehn bis fünfzehn Prozent der Mütter aus, die danach eine Wochenbettdepression entwickeln. Und dann hast du zusätzlich noch eine chronische Erkrankung, eine, bei der dein Gehirn mit diesen starken Hormonschwankungen nicht zurechtkommt. Du kannst dir gar nicht ausmalen, was das mit dir macht. Und ehrlich gesagt, konnte ich mir das damals auch nicht ausmalen. Ich konnte überhaupt nicht glauben, was zur Hölle plötzlich nicht mehr mit mir stimmte. Und es wurde einfach nicht besser.
Zurück zu mir. Zurück in meinen Körper.
Mein Weg, bis ich heute hier stehe, begann mit der Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner Mutterschaft über das Thema Hochsensibilität. Ich habe damals noch in den USA gelebt und dort Kathrin Borghoff gefunden, die damals noch unter dem Namen „Öko-Hippie-Rabenmütter" bloggte. Ich bin in der bindungsorientierten Bubble gelandet und habe mich bei Kathrin zum ersten Mal wiederentdeckt: Oh, mein Kind ist hochsensibel. Und oh, ich glaube, ich auch. So begann das, vor ungefähr zehn Jahren.
Das war der erste Ort, an dem ich mich nicht mehr falsch gefühlt habe.
Es ist gerade wirklich sehr bewegend, wenn ich auf die einzelnen Stationen zurückblicke und an die Arbeit mit mir selbst denke. Zum Beispiel die Arbeit mit Kathrin, die mir unfassbar geholfen hat, aus meiner tiefen Erschöpfung herauszukommen. Mutterschaft und mein Leben neu zu denken. Mich ganz neu zu definieren. Schritte zu gehen, die ich mich früher nie getraut hätte. Bis heute.
Ich habe letztens erste wieder mein Tagebuch herausgesucht, das ich mir damals selbst gestaltet hatte, um mich immer wieder zu beobachten und mich auch immer wieder selbst zu validieren. Ich habe darin nämlich nicht nur meinen Zyklus getrackt, sondern auch Dinge wie Streit mit meinem damaligen Partner. Oder Sex. Und du kannst dir vielleicht schon denken, an welchen Tagen das eine oder das andere überwog. Jap, du hast richtig gedacht: Streit und Eskalation, jedes Mal, vor meiner Periode. Und mit Beginn der Periode, mit dem Eisprung, war die Lust auf Sex wieder da.
Überraschung!- Not.
Rückblickend habe ich wirklich keine Fragen mehr. Aber vielleicht hast du gerade welche. Vielleicht bist du gerade genau an diesem Punkt.
Ich habe kürzlich in einem Podcast gehört: Es dauert im Schnitt zwölf Jahre, bis eine Frau mit PMDS von „irgendwas stimmt nicht mit mir" bei „ich habe PMDS" ankommt. Zwölf Jahre. Wenn ich zurückschaue, falle ich genau in diese Zahl. Meine Tochter ist heute elf. Und es ist noch gar nicht so ewig lange her, dass ich diese chronische Erkrankung wirklich angenommen habe.
Dass ich mit meiner PMDS lebe, statt gegen mich.
Und trotzdem: Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich es immer gespürt. Du spürst das ja, wenn etwas nicht in Ordnung ist mit dir. Du spürst das, wenn du andere Erfahrungen machst als alle um dich herum. PMDS ist eben nicht PMS, nur in schlimmer. Nur hatte ich für das, was ich heute lebe und benennen kann, klar formulieren und ausdrücken kann, damals keine Worte. Keine Informationen. Keinen Zugang. Ich gehöre zu einer Generation, die für so vieles buchstäblich keine Sprache hatte.
Und genau deshalb ist das, was heute selbstverständlich klingt, für mich alles andere als selbstverständlich: Zugang zu Wissen, zu Informationen über Körper und Nervensystem, zu anderen Betroffenen, zu Community.
Das ist das, was mich gerettet hat. Das ist das, was mich überhaupt erst dahin gebracht hat, mein Inneres auszudrücken. Mich jemandem anzuvertrauen. Zu sagen, was ich wirklich denke und fühle. Wie es wirklich in mir aussieht.
Jeden Monat. Seit ich mich erinnern kann.
Falls du dich hier wiedergefunden hast: Du bist nicht verrückt.
Du bist hier genau richtig. ❤️

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